Stimmung gut V O N W O L F G A N G E .
B U S S Der weltberühmte Dichter Her- mann Hesse schrieb in seinem bekannten Gedicht „Stufen“: Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich einge- wohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöh- nung sich entraffen.
In unserer modernen Sprache würde das heißen: Mit der Welt-Finanzkrise kommt in unserem „heimisch gewordenen Lebenskreis“ des Turbokapitalismus einiges in Bewegung – und das ist gut.
Hatten wir uns doch so schön mit dem Gedanken eingerichtet, alle wirt- schaftlichen Rahmendaten können wie selbstverständlich weiter wachsen und das große Geld ist nicht mehr mit Arbeit, sondern mit Zocken zu verdienen.
Was bewirkt diese Krise, von der wir alle betroffen sind, nun in uns? Nicht nur wir Habenichtse sind berührt – jetzt sind auch die Milliardäre mit im Boot.
Während wir Armen kaum etwas zu verlieren haben, vergießen Milliardärinnen derzeit schon mal öffentlich Tränen.
Und die erste Selbsttötung in Milliardärskreisen zeigte uns, wer Ehrgeiz und Erfolg völlig aufs Geld fixiert, kann im Absturzstrudel der Börsen schon mal mitgerissen werden.
Dabei ist Leben doch so viel mehr wert als ein paar Euros (auch wenn einige Nullen dahinter stehen!).
Eigentlich hat diese Krise nämlich etwas Wunderbares! Jeder erhält plötzlich eine Ausrede oder Erklärung für schlechte Zahlen, für sin- kende Bilanzen und ätzende Performance: Die schwerste Krise der Nachkriegsgeschichte nimmt uns allen den Druck.
Endlich ist man nicht mehr selber schuld! Das macht auch ein bisschen gelassener – so paradox es klingt.
Endlich ist einmal alles anders, der Alltagstrott vom steten Wachstum ist unterbrochen.
Und ein Weiteres scheint fast schon beruhigend: Sooo schlimm ist es gar nicht.
Man könnte glauben, mit der täglichen Zunahme schlechter Nachrichten bereiten sich die Menschen gemeinsam wie auf ein Unwetter vor.
Und dafür ist die Stimmung noch gut, in gemeinsamer Erwartung des Orkans bleibt das gesellschaftliche Klima überraschend heiter.
Gemeinsam werden wir das schon machen.
Ausgenommen, ja ausgenommen auch der „Gier-Manager“, wie BILD sie nennt, jener Boni-Profiteure, die sich Verträge unterschreiben ließen, nach denen sie pro Umsatz bezahlt werden.
Und verlustrei- che Geschäfte brachten eben auch Umsatz – also dicke Boni-Kohle.
Fristlos gefeuerte Vorstände der „Dumm“-Bank (KfW) klagen jetzt in Frankfurt um Millionen, die „Dummbanker“ wollen weiter beschäf- tigt werden, ziehen den kollektiven Hass auf sich und sind die neuen Buhmänner.
Und wer von ihnen nebenbei noch ein paar Steuern hinterzogen hat, lässt den Volkszorn kochen.
Was wird noch passieren? Die Erwartung im Land ist gespannt.
Es gibt geheime Szenarien, in denen überlegt wird, was passieren könnte, wenn der Geldstrom unterbrochen würde.
Wenn alle Geld- automaten anzeigen „zur Zeit keine Auszahlung möglich“ und in den Bank-Schalterhallen Pöbeleien entstehen, weil kein Bargeld mehr ausgezahlt werden kann! Was dann? Wird es spontane Flohmärkte geben, Tauschgeschäfte, Konserven gegen Zahnpasta? Nur der Wandel ist beständig.
Und jede Krise bietet die Chance, marode Strukturen zu verbessern.
Mögen einige Raffgierige auch Tränen vergießen – wie gewonnen, so zerronnen, denn: Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Geld allein macht nicht glücklich – dafür gibt es anderes: Liebe, Gesundheit und inneren Reichtum.
Das kann uns eine Finanzkrise eben nicht nehmen – und deshalb bleibt die Stimmung gut!